„Ich erinnere mich noch an
einen Kurs in Musikgeschichte. Die Lehrerin war eine
Weiße. Sie stand vor der Klasse und erklärte, dass
die Schwarzen den Blues spielen, weil sie arm sind
und Baumwolle pflücken müssen. Deshalb seien sie traurig
und daher käme der Blues, von ihrer Traurigkeit. Meine
Hand schoss hoch wie der Blitz, ich stand auf und
sagte: "Ich komme aus East St. Louis und habe einen
reichen Vater, er ist Zahnarzt. Ich spiel aber auch
den Blues. Mein Vater hat in seinem ganzen Leben keine
Baumwolle gepflückt und ich bin heute früh kein bisschen
traurig aufgewacht und hab dann einen Blues gespielt.
Da steckt schon ein bisschen mehr dahinter." Die Lehrerin
wurde richtig grün im Gesicht und sagte kein Wort
mehr. "Mann, was die uns erzählt hat, kam aus einem
Buch, das muss einer geschrieben haben, der keine
Ahnung von dem hatte, worüber er sich ausließ.“ Miles
Davis: Die Autobiographie. Heyne Verlag (2000)
1945 ist Miles Mitglied in
Charlie Parkers Quintett und macht erste Aufnahmen.
Sein Trompetenstil ist zwar schon ausgeprägt, doch
mit der Souveränität und dem technischen Genius seiner
Vorbilder kann er noch nicht mithalten. Sein Vater
hat Verständnis für seinen eifrigen Sohn und bestärkt
ihn mit einem Satz den Miles nie vergessen wird:
„Miles, hörst Du den Vogel
da draußen? Das ist 'ne Spottdrossel. Sie hat keine
eigene Stimme, sie macht nur die Stimmen der anderen
nach und das willst du nicht. Wenn du dein eigener
Herr sein willst, musst du deine eigene Stimme finden.
Darum geht's. Sei also nur du selbst.“ Miles Davis:
Die Autobiographie. Heyne Verlag (2000)
Im darauffolgenden
Jahr gehen Miles, "Bird" (Charlie Parker) und "Diz" (Dizzy
Gillespie) nach Los Angeles um den Bebop an der Westcoast
populär zu machen. Doch Birds Heroinabhängigkeit wird
langsam zu einem immer größeren Problem und Miles fängt
an auf seine Solokarriere hinzuarbeiten. Zusammen mit
Gerry Mulligan und Gil Evans gründet er sein erstes
Nonett, also eine Gruppe von neun Musikern und realisiert
im September ´48 den ersten Auftritt der Formation.
Nach einem Jahr Arbeit im Tonstudio ist das Ergebnis von
zwölf Aufnahmen unbefriedigend, denn die 78er-Schallplatten
bleiben zum Großteil in den Regalen der Plattenläden.
Das Nonett löst sich wieder auf.
Miles aber findet einen Platz
in der Band des Pianisten Tadd Dameron und fährt zum
pariser "Festival International 1949 de Jazz". Zum ersten
Mal wird er wie ein richtiger Star behandelt. Doch
als der junge Mann ,ein Jahr älter und unglücklich
in die französische Sängerin und Schauspielerin Juliette
Gréco verliebt, nach Amerika zurückkehrt, wo er sich
wieder mit den Rassenproblemen auseinander setzten
muss, greift auch er zu Drogen. Vier Jahre Inspirations-
und Erfolgslosigkeit werden folgen.